Wow! Ein staatliches Museum, die Bundeskunsthalle Bonn, hat sich dem Thema Sexarbeit gewidmet und liefert in einer großen Ausstellung Kunst, Informationen, Exponate von der Antike bis heute und gewährt Einblicke in die Arbeitswelt von Sexarbeiter*innen und ihrer politischen Kämpfe.
Solch eine Ausstellung war längst fällig, allein um den unsäglichen und nie lösungsorientierten, dafür kontroversen Diskussionen um Daten und Fakten – die es eh nicht gibt und Interpretationen meist ideologisch und moralisch geführt werden – endlich historisch und künstlerisch relevante Details hinzuzufügen. Ganz zu schweigen von der Bedeutung der eigenen Geschichten von Sexarbeiter*innen über ihre Lebens- und Arbeitsrealitäten und ihre politischen Kämpfe gegen rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung und für Gleichberechtigung mit anderen Erwerbstätigen.
Dabei wurde auf die Ausstellung „With Legs Wide Open – Ein Hurenritt durch die Geschichte“ im Schwulen Museum Berlin der Gruppe „Objekts of Desire“ aus den Jahren 2019 und 2024 aufgebaut.
Ohne die Macher*innen von Objekts of Desire und ihr Netzwerk und ihre Einbindung in die Sexarbeit wäre diese Vielfalt an Exponaten und Geschichten nicht zustande gekommen. Insgesamt folgten sie damit dem Anspruch: nichts ohne uns mit uns!
Die Bundeskunsthalle hat damit wohl die größte und umfangreichste Ausstellung zu Sexarbeit weltweit vorgelegt und verdient umfassendes Lob und Anerkennung.
Denn die Ausstellung ist enorm umfangreich und umfasst Exponate und Informationen aus dem biblischen Bereich, dem griechisch-römischen Zeitalter, dem breiten künstlerischen und historischen Bereich. Sie schließt auch keine Aspekte aus wie z. B. den Umgang der Politik zu Beginn der Aids- Pandemie und erstaunt mit den Fakten zu den bisher weitestgehend tabuisierten Bereich der Zwangsprostitution in den Bordellen in den NS-Internierungslagern.
Das Herausragende ist aber eindeutig der breite Blick auf den deutschen und internationalen Aktivismus. Hier haben auch viele Sexarbeiter*innen mitgearbeitet und viele Belege ihrer politischen Arbeit um Anerkennung und Rechte gegen Gewalt und Diskriminierung beigetragen.
Allen Macher*innen dieser Ausstellung, Objects of Desire, den vielen Sexarbeiter*innen und den Mitarbeiter*innen der Bundeskunsthallte gebührt großen Dank für diese grandiose Arbeit. Die Ausstellung liefert Daten und Fakten und lädt zu Diskussionen – gern auch kontroversen – ein.
Ein Besuch macht darüber hinaus viel Spaß und ist inspirierend!

Otto Dix, Die Kupplerin
Die Ausstellung ist in der Bundeskunsthalle noch zu sehen bis zum 25.10.2026. Hier werden Einblicke gewährt: https://www.bundeskunsthalle.de/s3xwork
Diese Ausstellung erinnert ein wenig an das große Kunstprojekt „strich-code-move“ in Berlin und Hannover. Wer mehr sehen will: https://www.strich-code-move.art

Wer jetzt erkannt hat, welche Bedeutung bei der Auseinandersetzung über Sexarbeit das Thema Sexualität und sexuelle Bildung spielen, dem sei die Ausstellung „Apropos Sex“ sehr empfohlen, die noch bis zum 06.09.2026 im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen ist.
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Die Ausstellung erfährt neben dem großen Zuspruch leider auch Proteste – wie immer von den allseits bekannten „Sexkaufgegner*innen“. Dagegen wendet sich folgender Solidaritätsbrief, wobei der Kreis der Unterstützer*innen interessant ist:
Bundeskunsthalle Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Per Mail: info@bundeskunsthalle.de
Köln, 12. August 2026
Unterstützung der Ausstellung „SEX WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit”
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit diesem Brief bekunden wir unsere ausdrückliche Unterstützung für Ihre Ausstellung „SEX
WORK – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit” (2. April – 25. Oktober 2026). In einer polarisierten
Debatte leistet Ihre Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur versachlichten,
multiperspektivischen Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema.
Widerlegung der Kritikpunkte
- Vorwurf der Verharmlosung und Romantisierung
Das Bündnis NRW pro Nordisches Modell wirft der Ausstellung vor, Ausbeutungsverhältnisse zu relativieren. Dies entkräftet die Bundeskunsthalle klar: „Ziel dieser Ausstellung ist es nicht, Sexarbeit zu bewerben oder zu romantisieren.” Die kulturhistorische Herangehensweise mit über 800 Objekten von der Antike bis heute dient der differenzierten Darstellung – nicht der Romantisierung. - Vorwurf der Einseitigkeit und fehlender Opferperspektiven
Kritiker*innen bemängeln, Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel würden nicht ausreichend berücksichtigt. Dem ist entgegenzuhalten:
- Die Ausstellung arbeitet nach dem Leitmotiv „Nichts über uns ohne uns” in
Zusammenarbeit mit dem Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen „Objects of Desire”.
Dieses partizipative Kuratierungsmodell stellt sicher, dass diejenigen selbst zu Wort
kommen, um deren Leben es geht. - Die Ausstellung thematisiert explizit den Einsatz der Sexarbeitenden gegen Diskriminierung und zeigt dokumentarische Materialien über ihren Kampf für Rechte und Anerkennung.
- Die Feststellung, dass „Sexarbeit Arbeit ist”, bedeutet nicht die Leugnung von
Ausbeutungsstrukturen, sondern die Anerkennung der Realität von Menschen in diesem
Bereich.
3. Vorwurf der Propaganda für die Prostitutionslobby
EMMA und andere bezeichnen die Ausstellung als „Propagandaveranstaltung” und fordern ihre vorzeitige Beendigung. Eine solche pauschale Verurteilung übersieht den grundlegenden Auftrag einer Kulturinstitution: komplexe gesellschaftliche Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und Raum für kritische Reflexion zu schaffen.
Die Ausstellung zeigt auch die engen Verflechtungen von Sexarbeit und gesellschaftlicher
Stigmatisierung – einschließlich der historischen und aktuellen Kämpfe der queeren
Community. Diese vielschichtige Darstellung widerspricht der Behauptung einseitiger
Propaganda.
Fazit
Die Ausstellung „SEX WORK” erfüllt einen wichtigen Auftrag öffentlicher Kulturarbeit: Sie öffnet
Räume für differenzierte Diskussionen über ein tabuisiertes Thema, gibt marginalisierten
Stimmen Gehör und fordert uns als Gesellschaft heraus, Vorurteile zu hinterfragen.
Wir ermutigen die Bundeskunsthalle, sich nicht von politisch motivierten Kampagnen
einschüchtern zu lassen und weiterhin mutig kontroverse Themen aufzugreifen.
Mit freundlichen Grüße
Unterstützende:
Ortsverband Die Linke.Köln-Kalk
Mitglied Parteivorstand Die Linke, Berlin
BAG Die Linke.queer Berlin
Die Linke queer, Berlin
LAG queer-feministische Solidarität mit Sexarbeiter*innen (Die Linke RLP)
LSpR Die Linke.queer Niedersachsen
Weitere Unterstützende aus:
Aachen, Köln, Mainz, Berlin, Leipzig, NRW
(Alle Namen sind der Bundeskunsthalle bekannt)


