17.02.2021 – Am Aschermittwoch ist alles vorbei … Stellungnahme zum Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

17.02.2021 – Am Aschermittwoch ist alles vorbei … Stellungnahme zum Positionspapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, aber auch der SPD-Parteivorstand und andere wollen die Grund-Rechte von Sexarbeiter*innen extrem beschneiden und die Prostitutionsbranche deutlich mehr kontrollieren und beschneiden.

Dabei missachten alle, dass Verbote und Einschränkungen noch nie viel gebracht haben. Was es braucht, ist ein breiter Dialog, neue Ansätze und für tatsächliche Probleme konkrete, strukturelle Lösungen.

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Anzahl der Sexarbeiter*innen in Deutschland

Anzahl der Sexarbeiter*innen in Deutschland

Zahlen sind Schall und Rauch.

400.000 Sexarbeiter*innen – 200.000 Sexarbeiter*innen – 90.000 Sexarbeiter*innen – oder nur: 40.400 Sexarbeiter*innen? Oder noch weniger?

“Zahlen sind Schall und Rauch.”, “Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.” … heißt es hier und da.

Wie verhält es sich also mit der immer wieder genannten Zahl von angeblich 400.000 Sexarbeiter*innen, die in Deutschland tätig sein sollen? Woher kommt sie? Seit wann wird die Zahl veröffentlicht? Ist ihr zu trauen? Was steckt hinter der Zahl?

EMMA, die Zeitschrift von Alice Schwarzer, die sich nach anfänglichen, unterstützenden Berichten über eine engagierte Prostitutionsbewegung im Laufe der Jahre zur “schreibenden Speerspitze gegen die Prostitution an sich” entwickelte, scheint verantwortlich zu sein für diese Zahl. Im großen Bericht “Huren auf den Barrikaden” wurde in der Ausgabe Februar 1986 berichtet: “Nach offiziellen Schätzungen arbeiten 200.000 Frauen in der Bundesrepublik als Prostituierte. Die Dunkelziffer ist meistens doppelt so hoch.”

Wer diese “offizielle Schätzung” vorgenommen hat, wird allerdings verschwiegen.

7 Monate später sind dann aus den Schätzungen schon Tatsachen bei EMMA geworden und die Zahl von 400.000 Prostituierten steht erstmals geschrieben. “In der Bundesrepublik arbeiten 400.000 Prostituierte, legal und illegal – mindestens!”

Diese Zahl von 400.000 Sexarbeiter*innen geistert seitdem durch sämtliche Publikationen und ist sogar in Gesetzesbegründungen zu finden, obwohl sie sich

  • 1986 auf das alte Westdeutschland bezog.
  • Seitdem konnten wir auf die Wiedervereinigung 1990 Ost- und Westdeutschlands erleben
  • und blicken auch auf die EU-Osterweiterung 2004 und 2007 mit vielen neuen KollegInnen aus diesen Ländern.

Doch die Zahl 400.000 Sexarbeiter*innen bleibt seit 1986 beharrlich konstant.

Warum? Kluge Statistiker*innen hätten sie doch längst anpassen können.

Aber es lässt sich mit dieser Zahl viel besser Politik machen:
Wow! … 400.000 Sexarbeiter*innen. Da muss man doch was machen! (Als wenn man für 50.000 oder 100.000 Sexarbeiter*innen nichts machen müsste.)

Aber was will man machen?

  • Prostitutionsgegner*innen erklären alle 400.000 Sexarbeiter*innen, oder fast alle, zu Opfern. Die muss man retten!
  • Prostitutionsbefürworter*innen wollen gleiche Rechte für alle Sexarbeiter*innen, wie sie für andere Erwerbstätigen gelten, durchsetzen und Diskriminierungen abbauen. Dafür gilt die Zahl 400.000 dann als nicht belegt.

Das neue Prostituiertenschutzgesetz (gilt seit dem 01. Juli 2017) könnte erstmals realistische Zahlen liefern. Das ist vielleicht das einzig positive an diesem Gesetz! Denn jede Sexarbeiter*in muss sich danach bei einer Behörde anmelden bzw. registrieren lassen. Also liegen dann irgendwann einmal echte Zahlen vor.?

Wenn nicht jetzt schon klar wäre, dass sich viele Sexarbeiter*innen nicht registrieren lassen können oder wollen. Wir werden es also – so oder so – weiterhin mit einer Dunkelziffer zu tun haben. Davon ist auch von den ersten Zahlen auszugehen, die das Statistische Bundesamt – Stand 31.12.2018 – meldete: 32.799.

Die Zahlen Stand 31.12.2019:

– gemeldete 40.400 Sexarbeiter*innen und
– 2.170 gültige Erlaubnisse für Prostitutionsgewerben.

Die Zahlen Stand Ende 2020
Das Statistische Bundesamt meldete am 01.07.2021 neue Zahlen:
rund 24 900 Prostituierte bei Behörden angemeldet – Weniger angemeldete Prostituierte im Corona-Jahr 2020.
– für 2 290 Prostitutionsgewerbe lag eine erteilte oder vorläufige Erlaubnis nach dem ProstSchG vor.

Die Zahlen Stand Ende 2022

Das Statische Bundesamt meldete am 15. 09. 2023 neue Zahlen:
– rund 28 280 Prostituierte bei Behörden gültig angemeldet – leicht steigende Tendenz zum Vorjahr.
– für 2 310 Prostitutionsgewerbe lag eine erteilte oder vorläufige Erlaubnis nach dem ProstSchG vor.

Was lernen wir daraus?
Lasst uns auf die wichtigen Dinge konzentrieren: die Rechte von Sexarbeiter*innen – und zwar von allen!

Neueste Presserecherche von Wibke Becker in der FAZ vom 18. 06. 2023:

FAZ-Artikel-18.06.23-Zahlen-in-der-Sexarbeit

03. + 06. März 2016 – Aktion gegen den sog. Hurenausweis

Der Plan der Koalitionsregierung aus CDU/CSU und SPD, Prostitution im sog. ProstituiertenSchutzGesetz umfassend zu kontrollieren und zu reglementieren, beinhaltet auch eine „Zwangs-Beratung“ und „Zwangs-Registrierung“ aller Prostituierten. Dagegen wehrten sich diese erneut in einer Straßenaktion beim Sexarbeits-Kongress am 03. 03. 2016 in Hamburg und während eines eigenen Blocks bei der Frauen*kampftagsdemo am 06. 03. 2016 in Berlin:
Es wurde eine provisorische Registrierungsbehörde aufgebaut, bei der alle Interessierten sich informieren konnten. Auch konnten sie auf einem symbolischen Hurenausweis ihre persönlichen Daten eintragen und abstempeln lassen. So fühlten „Unbeteiligte“ das für SexarbeiterInnen zu erwartende diskriminierende Prozedere: totale staatliche Überwachung und Aufhebung der Anonymität, die Schutz bedeutet. Diskriminierung und Stigmatisierung werden dagegen zunehmen, denn Sexarbeit ist längst nicht respektiert und anerkannt.

 

 

Das Dokument für den Hurenausweis 

Schlagwort: Hurenausweis