Geschlossen, vergessen, verkannt

Sexarbeit hat es immer in jedem Land gegeben. Sexarbeit gehört zu unserer Gesellschaft und ist Teil unserer Kultur. Sie erfüllt wichtige Bedürfnisse und trägt zum Gemeinwohl bei. Mit dem Prostitutionsgesetz von 2002 und dem Prostituiertenschutzgesetz von 2017 wurden der Branche die fast gleichen Rechte eingeräumt, die andere Gewerbetreibende und Beschäftigte selbstverständlich in unserer toleranten, vielfältigen und die Rechte des Einzelnen stärkenden Gesellschaft lange haben. Diese Entwicklung muss fortgesetzt werden. Nur wenn Sexarbeit rechtlich gleichgestellt ist und respektvoll behandelt wird, kann sie sich weiterentwickeln.

Dass es diese Gleichstellung noch nicht gibt, zeigt sich in der Corona-Krise deutlich. Während Dienstleister aller Branchen dank ihrer Hygienemaßnahmen mit Unterstützung der Politik wieder arbeiten dürfen, bleibt dies Sexarbeiter*innen und Bordellen verwehrt.

Auch die Gegner*innen der Prostitution nutzen die derzeitige Situation. Sie werden lauter, beleidigen und diffamieren Sexarbeiter*innen, Kund*innen und Bordellbetreiber*innen. Sie sprechen ausschließlich von „Tätern oder Opfern” und fordern opportunistisch die unbeschränkte Schließung der Bordelle und die Einführung eines generellen Sexkaufverbots in Deutschland.

Das hat System: Es geht den Prostitutionsgegner*innen nicht um den Respekt vor den Menschen in der Sexarbeit oder deren Rechte. Es geht ihnen um ihre Vorstellung von Moral und ihr Bild einer konservativen, bürgerlichen Gesellschaft einhergehend mit der Beschneidung von Menschen- und insbesondere Frauenrechten, die die freie Entscheidung über den eigenen Körper und besonders über die eigene Sexualität garantiert.

„Warum wir nicht?“ Eine mehr als berechtigte Frage, den am fehlenden Hygienekonzept, an anderen Umständen als bei anderen körpernahmen Branchen oder den vorhandenen strengen gesetzlichen Bestimmungen und Regulierungen für unsere Branche kann es nicht liegen!

Was bedeutet ein Sexkaufverbot?

Unterschiedliche Bezeichnungen sind zu finden. Einmal wird vom Schwedischen, dann vom Nordischen Modell gesprochen. Allen diesen Modellen ist gleich, dass in den Ländern Schweden, Norwegen, Frankreich, Island und Israel per Gesetz der Kauf von sexuellen Dienstleistungen unter Strafe steht. Die Kund*innen werden – von der Polizei auf dem Weg zum Treffen mit einer Sexarbeiter*in, im Auto, in einer Wohnung oder Hotel – verfolgt und mit einem Bußgeld oder sogar mit Gefängnis bestraft. Den Sexarbeiter*innen drohen nach diesem Gesetz keine Strafen. In den fraglichen Ländern folgt man der Idee, dass Sexarbeit per se Vergewaltigung ist und keine Sexarbeiter*in die sexuellen Dienstleistungen freiwillig anbieten, obwohl sich Sexarbeiter*innen – auch in diesen Ländern – immer gegen die Einführung eines Sexkaufverbots stark gemacht haben.

Harte, aber klare Worte – Im Anbetracht des politischen Windes der Unterdrückung und Diskriminierung mit sich bringt mehr als nachvollziehbar.

Welche Folgen hat ein Sexkaufverbot für die Sexarbeiter*innen?

Bordelle sind in diesen Ländern verboten, sowie auch die Vermittlung. Sexarbeiter*innen sind also auf sich allein gestellt und können ihre sexuellen Dienstleistungen nur per Telefon und Internet anbieten. So fehlen ihnen der Schutz eines Bordells und der kollegiale Austausch mit Kolleg*innen. Da die Kund*innen Angst vor der Strafverfolgung haben, treffen sie sich nicht mehr öffentlich mit Sexarbeiter*innen, sondern nur noch an versteckten Stellen und im privaten Bereich. Sexarbeiter*innen müssen daher ein höheres Risiko eingehen mit Gewalt und Ausbeutung konfrontiert zu werden und arbeiten allgemein unter mehr Stress. In diesen Ländern ist aber auch jede Form der Partizipation am Lohn der Sexarbeiter*in“ verboten und dies betrifft: Familienangehörige, besonders Kinder, die vom Lohn mit ernährt werden, Vermieter, die privaten Wohnraum der Sexarbeiterin zur Verfügung stellen, etc. Aber auch Kund*innen können nicht mehr einer Sexarbeiter*in in Not helfen und sie zur Polizei begleiten, weil sie sich dann automatisch einer Bestrafung als Freier aussetzen. Ausländische Sexarbeiter*innen werden sogar abgeschoben.

Ist das Sexkaufverbot in Ländern wie z. B. Schweden erfolgreich umgesetzt worden?

Es liegen inzwischen genug Studien (über 134) vor, die nachweisen, dass eine (Teil-) Kriminalisierung der Sexarbeit immer mehr schadet als nützt. Es schwächt die Rechte und die Position von Sexarbeiter*innen, macht sie vulnerabel, sie arbeiten im „Illegalen“, sie sind mehr Gewalt ausgesetzt und sie scheuen sich vor einer Anzeige. Auch sind sie nicht mehr erreichbar für Hilfsangebote besonders nicht auf Aus-/Umstiegsangebote. Nur die konsequente Umsetzung von Menschenrechten schützt Sexarbeiter*innen im Gegensatz zu Verboten. Auch in den oben genannten Ländern ist die Sexarbeit nicht verschwunden oder hätte sich gänzlich erübrigt – im Gegenteil: In Frankreich, wo seit drei Jahren das Sexkaufverbot gilt, hat die Zahl der Sexarbeiter*innen nicht abgenommen. Dafür ist bei der Ausbeutung von Minderjährigen und Menschenhandel die Tendenz steigend. In Irland ist das Sexkaufverbot gescheitert. Eine neue Untersuchung hat gezeigt, dass die Gewalt an Sexarbeiter*innen nach der Einführung des Gesetzes gestiegen ist. Auch schwedische Sexarbeiter*innen erklären das „Schwedische Modell“ nach 20 Jahren für gescheitert, weil sie zu Opfern erklärt wurden und ihnen die guten Rahmenbedingungen für die Ausübung der Sexarbeit genommen wurden. Es müssen endlich die Menschenrechte von Sexarbeiter*innen umfassend geschützt werden. Das ist mit einem Sexkaufverbot nicht möglich.

Verbote von existenziellen Lebensbedürfnissen haben schon immer nur Illegalität geschaffen.
Sollten wir nicht aufhören, die immer gleichen Fehler wieder und wieder zu begehen?

Warum fordern Prostitutionsgegner*innen ein Sexkaufverbot?

Prostitutionsgegner*innen argumentieren aus der moralischen Ecke heraus, ohne mit Sexarbeiter*innen zu sprechen und diese in ihren Forderungen zu unterstützen. Auch lassen sie sich ausschließlich von der Not, der Ausbeutung und der Gewalt leiten, die einzelnen Sexarbeiter*innen begegnet. Ja: Jeder Fall ist einer zu viel. Doch in jedem dieser Fälle braucht es einen umfassenden Opferschutz, Bleiberecht für aussagewillige Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel und natürlich Umstiegsangebote sowie Zugang zum staatlichen Sozialsystem und Wohnraum. Ein Sexkaufverbot entraubt allen, den Sexarbeiter*innen in Not und der großen Gruppe der freiwillig und autonom tätigen Sexarbeiter*innen, Rechte.

Was wollen wir mit dieser Kampagne erreichen?

Wir wehren uns gegen klischeehafte, negative Bilder von unserer Branche. Wir wollen Licht in die Vorwürfe und Vorverurteilungen bringen und dem die Realität entgegensetzen. Die Sexarbeitsbranche ist eine enorm vielfältige Branche. Sexarbeiter*innen, Kund*innen und Bordellbetreiber*innen haben alle ihre eigene Geschichte, ihre eigene Motivation, ihr eigenes Geschäftskonzept und ihre Berechtigung. Das gilt es zu erhalten – mit und ohne Corona. Darüber wollen wir aufklären und brauchen dafür die Stimme einer JEDEN, eines JEDEN.

Wir haben doch das ProstG und ProstSchG – reicht das nicht?

Das Prostitutionsgesetz (ProstG – 01. Jan 2002 in Kraft getreten) hat wenige Rechte festgeschrieben, z. B. das Recht auf den Lohn und das Recht ein Bordell zu führen. Vorher wurde Sexarbeiter*innen – auch von Gerichten – das Recht auf den mit den Kund*innen vereinbarten Lohn abgesprochen, auch wenn die Leistung erbracht worden war. Die Gerichte argumentierten mit dem Vorwurf eines „sittenwidrigen Rechtsgeschäftes, das nichtig sei“. Bordelle wurden geschlossen, besonders wenn sie mehr als Wohnraum zur Verfügung stellten, z. B. Kondome, ein gehobenes Ambiente und hohe Preise. Das würde die Sexarbeiter*innen am Ausstieg hindern?! Das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG – am 01. Juli 2017 in Kraft getreten) hat die gesamte Branche, wie kein anderes Gewerbe, einer umfassenden staatlichen Kontrolle und Reglementierung unterworfen. Seitdem müssen sich Sexarbeiter*innen in einem engmaschigen System gesundheitlich beraten lassen und werden entsprechend registriert. Über beides müssen sie „Ausweise/Bescheinigungen“ (den sog. Hurenausweis) bei der Arbeit bei sich führen. Sexarbeiter*innen betrachten dies als diskriminierend und als Zwangsouting. Bordelle, auch Prostitutionsstätten genannt (dieser Begriff wurde in diesem Gesetz neu eingeführt), unterliegen einer großen Kontrolle von Seiten der Gewerbeämter, müssen viele Auflagen und z. B. eine umfangreiche Dokumentationspflicht erfüllen. Es wurde mit dem ProstSchG ein weiteres Sondergesetz geschaffen und leider eine Einbindung ins sonstigen Gewerberecht verhindert. Bei der Umsetzung dieses ProstSchG bestehen auch heute noch – 3 Jahre nach seinem Inkrafttreten – viele Unklarheiten und Probleme, auch Ungerechtigkeiten im Vergleich zu anderen Gewerben.

An wen richtet sich die Kampagne?

Alle Menschen sind aufgerufen, uns mit ihrer Stimme im Kampf gegen Ungleichheit und Diskriminierung zu unterstützen. Wir Feminist*innen müssen wieder zusammen halten. Es geht um Frauen*rechte und damit Menschenrechte sowie die Freiheit Aller.

Unterzeichnen Sie unseren Appell und setzen Sie ein Zeichen für Menschlichkeit

„Auch an Sexarbeit hängen Existenzen“ – Hinter jeder Maske steckt ein Mensch und sein Leben.

Folgende Partnerorganisationen unterstützen diese Kampagne

Wir danken an dieser Stelle unseren Partner*innen für ihre tatkräftige Unterstützung und Kooperation im Kampf für unsere Rechte – Vielen herzlichen Dank, dass ihr da seit und mitmacht!

BesD – Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.
Phoenix e. V.
Fachberatungsstelle für Sexarbeitende
ragazza!
Hilfen für drogenkonsumierende und/oder der Sexarbeit nachgehende Frauen
Madonna e.V.
Treffpunkt und Beratung für Sexarbeiterinnen